„Diese Reihe ist nicht irgendeine Vortragsfolge. Sie gehört zu unserer eigenen Geschichte.“
Mit diesen Worten eröffnete die allgemeine Vorsitzende des AStA Alice Schaller die Veranstaltungsreihe zum 75-jährigen Jubiläum der Politikwissenschaft in Marburg. Eine Geschichte, in der Studierendenvertretung, Institut und Stadt seit Jahrzehnten eng miteinander verbunden sind – politisch, personell und strategisch.
Ob die Kämpfe um Mitbestimmung in den 1960er Jahren, die Auseinandersetzungen um demokratische Rechte an der Universität oder die Gründung des Bundes demokratischer Wissenschaftler*innen: Die Marburger Tradition war immer eine streitbare.
Und genau daran knüpft diese Reihe an. Nicht als nostalgischer Rückblick, sondern als Einladung, sich einzumischen – in Zeiten von Kriegen, Krisen und wachsender sozialer Unsicherheit.
Wissenschaft und politische Praxis gehören zusammen. Und Demokratie braucht Kritik.
Liebe Kolleg*innen,
Liebe Mitstreiter*innen,
liebe Zeitzeug*innen,
liebe Studierende,
Schön, dass ihr gekommen seid.
Warum unterstützt der AStA diese Veranstaltung?
Diese Reihe ist nicht irgendeine wissenschaftliche Vortragsfolge, die zufällig auf unserem Campus stattfindet, sondern sie findet statt, weil sie zu unserer eigenen Geschichte gehört. Das Institut für Politikwissenschaft und der AStA Marburg haben vielleicht getrennte Adressbucheinträge. Aber sie sind seit 75 Jahren miteinander verwoben – personell, politisch, strategisch. Wer das eine feiert, feiert das andere mit.
Ein Blick zurück macht das deutlich. 1968 standen der damalige AStA-Vorsitzende und Wolfgang Abendroth gemeinsam am Pranger. Im Zuge der Demokratisierungen der Universität, Mitbestimmungsrechte fvür Studierende, wehrten sich einige Professoren und beschwerten sich: Es sei ein "Irrtum zu glauben, der Universitätskörper könne zu einem Spiegelbild eines demokratischen Volkskörpers werden". (– original Zitat)
Abendroth wurde im selben Zug als Verfassungsfeind dargestellt.
Dem damaligen AStA-Vorsitzenden wurde aufgrund seines Protestes Schadensersatzklagen von Jura-Professoren angedroht, bis das OLG 1972 endlich die Sache beendete. Der Kampf um Demokratie war die Suche des AStAs, und explizit auch einigen Wissenschaftler*innen aus dem Institut für Politikwissenschaft, darunter besonders Wolfgang Abendroth hervorzuheben ist.
Gegen dieses Marburger Manifest der Konservativen, gründete sich 1968 der Bund der demokratischen Wissenschaftler*innen (BdWi) in Marburg, der für die Demokratisierung der Universitat und Wissenschaft eintrat.
Derselbe AStA-Vorsitzende wurde neun Jahre spater bei Frank Deppe promoviert.
Hanno Drechsler, welcher 1962 bei Abendroth promovierte, führte zwei Jahrzehnte lang als Oberbürgermeister das Marburger Rathaus. Kurt Kliem, ebenfalls Abendroth-Schüler, saß als Landrat im Kreishaus. Wolfgang "Harry" Hecker redigierte 1968 die vom AStA herausgegebenen "marburger blätter".
Das ist keine Aneinanderreihung netter Anekdoten. Das ist ein Beziehungsgeflecht, das Hochschule, Stadt und Studierendenvertretung über Jahrzehnte verbunden hat.
Genau deshalb unterstützt der AStA diese Reihe. Diese Vortragsreihe ist nicht nur eine Retrospektive auf die wilden Jahre in Marburg. Die Marburger Schule ist auch kein Museum. Es ist der Versuch, mit den Werkzeugen, die an diesem Institut gescharft worden sind, auf eine Gegenwart und Zukunft zu blicken, die sie dringender braucht als uns lieb ist: auf eine Wilt, in der Kriege wieder als Normalzustand verhandelt werden, in der Krisen einander so dicht folgen, dass der Plural fast harmlos wirkt, und in der der Kapitalismus nichts davon gelöst hat.
Ich verstehe den AStA in einer Traditionslinie mit der Marburger Schule. WIr vertreten studentische Interessen im Senat, vor dem Präsidium und wir mischen uns ein. Wir versuchen jeden Tag den Alltag von Studierenden ein kleines Stückchen besser zu machen. Und dabei besonders Personengruppen zu beachten, die in unserem System sonst sehr gerne untergehen. Wir tun das in Erinnerung an Studierende, die dieses Institut seit 75 Jahren prägen und zu dem machen, was es heute ist: mit der Überzeugung, dass wissenschaftliche Arbeit und politische Praxis nicht zwei getrennte Sphären sind, sodnern zwei Seiten derselben Medaille.
In diesem Sinne: Willkommen zur Reihe. möge sie unbequem werden.